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Willi Wendt
(1890 - 1916)

Fliegerleutnant aus Braunschweig


Fokkerflieger - gefallen am 16. Juni 1916 im Luftkampf





  Bericht des Assistenz- und Bataillonsarztes Dr. Richartz, eines Res. Inf. Rgts.

Am 16. Juni nachmittags drei Uhr befand ich mich am Eingang von Le Marais aus Richtung Hantay, als ich über mir Ballonabwehrkanonen und Maschinengewehrfeuer hörte, konnte aber, da mir die Sonne grell ins Gesicht leuchtete und die beteiligten Flieger senkrecht über mir standen, die Apparate nicht deutlich erkennen. Plötzlich setzte ein Motor aus und ich sah einen Apparat steil niedergehen. Ich machte sofort kehrt und ritt querfeldein in Richtung Friedhof Salome. Inzwischen war der Fokker einige hundert Meter hiervon entfernt glatt gelandet. Als ich ankam, hatten bereits einige Artilleristen, die in unmittelbarer Nähe gewesen sein mussten, den Fliegerleutnant Wendt aus dem Apparat herausgehoben und auf die Erde gelegt. Bei meiner Ankunft war Leutnant Wendt nicht völlig bei Besinnung, bald aber wurde er klarer und erkannt mich als Arzt. Ich entblößte seinen linken Arm und Fand eine stark blutende Schusswunde vor, derartig, dass ich mich genötigt sah, den Arm oberhalb des Ellbogengelenkes zu unterbinden. Haselnussgroßer Einschuss auf der Beugefläche, hühnereigroßer Ausschuss auf der Streckfläche des linken Unterarmes. Gelenk frei, Knochen intakt. Im oberen Drittel des linken Oberschenkels befand sich an der Außenseite ein Weichteildurchschuss, Schusskanal etwa zehn Zentimeter lang, Ein- und Ausschuss etwa Markstückgroß, Blutung gering. Während des Verbindens fragte mich Leutnant Wendt: 'Wie lange wird es dauern, bis es geheilt ist?' Darauf fragte er: 'Donnerwetter, der Kerl hat fein geschossen!' Als ich ihn fragte, ob es ein Vickers gewesen wäre, bejahte er dies.

Mittels einer Trage wurde sodann Leutnant Wendt in die Ortskrankenstube eines Reserve-Infanterie-Regiments gebracht, wo ich nochmals beide Wunden verband und ihm Tetanusserum einspritzte und, da er sehr über Schmerzen im Arm klagte, auch 0,02 Morphium. Er verlangte andauernd zu trinken und sah sehr blass aus.

Obwohl beim zweiten Verbinden die Blutung stand, wie ich doch auf dem Wundtäfelchen auf die Gefahr einer venösen Blutung hin. Abtransport mittels Verwundetenautos der S.K. 53.

Leutnant Wendt hatte schon während des Abfluges und der kurzen Zeit, bis ich unterbinden konnte, sehr viel Blut verloren. Ich habe die Verletzung als von Maschinengewehr-Geschoss herrührend angesprochen. Leutnant Wendt hat mir die auch bestätigt. Der Schuss ist meines Erachtens von oben gekommen, hat den linken Unterarm durchschlagen, dann den linken Unterschenkel.


20.06.1916 - Brief des Abteilungsführers [der FFA 18] an die Eltern

Heut früh ist die Leiche Ihres Sohnes hier abgegangen. Gestern Nachmittag haben wir ihn nach einer kirchlichen Feier zum Bahnhof überführt. Es drängt mich heute, Ihnen zu sagen, wie sehr Ihr Sohn uns allen ans Herz gewachsen war. Ich selber liebte ihn wie einen Sohn. Die Hoffnungen, die ich auf ihn gesetzt habe, hätte er gerechtfertigt. Er hat mich nie im Stich gelassen. Stets dienstbereit, war er unermüdlich tätig, dem zahlenmäßig überlegenen Feinde in der Luft, Abbruch zu tun. Der Schneid, mit dem er angriff, war vorbildlich. Ihm hätte der Erfolg nicht länger mehr fehlen können. Das Schicksal hat es anders gewollt. Ermessen aber kann ich, wie Ihnen zu Mute sein muss, einen solchen Sohn opfern zu müssen, ihn, der Ihr Einzigster war, der Ihre Lebensarbeit fortsetzen sollte. Seien Sie versichert, dass wir alle mit Ihnen empfinden. Aber auch weite Kreise außerhalb der [Feld-]Fliegerabteilung 18 haben aufrichtigen Anteil an diesem harten Schicksal genommen. Die Zahl derer, die Ihren Schmerz teilen, ist in der Fliegertruppe sehr groß. Er war durch sein liebenswürdiges und bescheidenes Wesen allen ans Herz gewachsen, die mit ihm zusammen zu arbeiten oder zu leben hatten. Möge Ihnen dieses Bewusstsein Trost spenden.

Am 16. Juni um drei Uhr zehn Nachmittag landete er im steilen Sturzflug glatt seine Maschine, nachdem er im Kampfe mit einem Vickers-Doppeldecker einen Schuss erhalten hatte. Der Bericht des Arztes, der als erster zur Stelle war, liegt bei. Als er dort eintraf, war auch ich anwesend. Durch den großen Blutverlust war er bereits sehr schwach. Die Ärzte nahmen sich aber mit größtem Eifer augenblicklich seiner an. Er kam zu sich, erkannte mich und sagte: 'Der Kerl hat aber sicher auch etwas abbekommen, ich hatte ihn sehr gut im Visier.' Auch gab er über den Kampf noch an: 'Ich weiß, ich habe mich wieder verleiten lassen, mich herumzuschlagen, man soll angreifen und dann machen, dass man fortkommt.'

Schmerzen hatte er nicht, nur sehr großen Durst und bat um Sekt. Die Ärzte erkannten den Ernst der Lage, hatten aber gute Hoffnung, ihn durchzubringen. Die Verwundung an sich war nicht schwer. Er kam dann auf den Operationstisch, um Salzwasser als Ersatz für das verlorene Blut in die Venen ein-gespritzt zu bekommen. Ich ging dann fort. Hierauf soll er sich wieder erholt haben. Er trank Sekt, auch kam der Puls wieder. Professor Braun, der bekannte Chirurg des Generalkommandos, war bei ihm und war auch der Ansicht, dass alles geschehen war, was in menschlicher Macht stand. Obwohl sonst ehe zu Pessimismus neigend, äußerte er sich hoffnungsvoll. Der Puls verlor sich aber wieder. Ohne Schmerz und Kampf ist er um acht Uhr fünfzig abends eingeschlafen. Wiederbelebungsversuche wurden 45 Minuten gemacht. Sie vermochten nichts mehr zu erreichen.

[Quelle: Braunschweiger im Krieg]



Grabstätte auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof

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